Eine Hand bei Goldener Stunde, die durch ein weizenfeld streift.

Antifaschismus beginnt im Privaten

Warum Selbstreflektion die beste Praxis für Antifaschismus ist.

Vor Kurzem hat eine junge Verwandte von mir ein TikTok-Video geteilt. Die Botschaft des Videos war klar und abstoßend: Geflüchtete, die Kritik an Deutschland äußern, sollten „wieder aufs Mittelmeer“.

Eine solche Aussage trifft tief – vor allem, wenn sie von jemandem kommt, den man liebt. Einfach den Kontakt abbrechen? Das mag eine einfache Lösung sein, doch sie wird der Komplexität der Beziehung nicht gerecht. Die Parole „Mit Rechten spricht man nicht“ mag in manchen Kontexten richtig sein, aber was ist mit den Menschen, die uns nahestehen? Sind sie wirklich verloren? Ich glaube nicht. Doch der Weg, sie zu erreichen, beginnt nicht bei ihnen – er beginnt bei uns.

Frieden und Faschismus – ein Gegensatz

Frieden bedeutet, dass du authentisch du selbst sein kannst. Dass du dich sicher fühlst, ohne dich auf einen Teil deiner Identität reduzieren zu müssen. Authentizität bedeutet, dass jede Facette deines Seins ihren Platz haben darf. Wenn du zurückblickst auf Momente, an denen du dich entspannt hast, wirst du sehen, dass du so einen Raum geschaffen hast.

Faschismus verspricht auch Sicherheit, doch diese basiert auf einem Bestätigungsfehler. Menschen fühlen sich in nationalen oder kulturellen Identitäten heimisch, weil sie in einem solchen Umfeld aufgewachsen sind. Der Faschismus instrumentalisiert dieses Zugehörigkeitsgefühl. Er schafft eine Brille, die dir alles zeigt, das dich besonders macht, weil du Teil dieses Volkes bist. Und alles, was nicht dazu gehört, zeigt die Brille dir als schlecht, gefährlich oder minderwertig.

Das Vertraute wird idealisiert, das Fremde dämonisiert. Faschismus gaukelt vor, dass Unterschiede in Hautfarbe, Religion oder Herkunft die Ursache von Konflikten seien. Immerhin seien die anderen ja auch in einem völkischen Umfeld aufgewachsen. Ein anderes Umfeld – er sagt dann, dass diese Konflikte nur gelöst werden könnten, indem das „Andere“ ausgeschlossen wird.

Dabei wird jede andere, nichtvölkische Perspektive ausgeblendet. Die Vielfalt, die zur Authentizität eines jeden Menschen gehört, wird ignoriert. Der Faschismus engt ein – er lässt keinen Raum für Reflexion, kein Raum für eine Welt, in der du mehr als nur dieser kleine Teil deiner Identität sein darfst. Faschismus entfremdet dich von dir und von anderen.

Antifaschismus beginnt im Nahen

Jede*r Faschist*in hat Freunde, Verwandte, Bekannte – Menschen, in deren Gegenwart sie*er sich theoretisch sicher fühlen könnte. Doch wenn diese Menschen ihm nur ein Umfeld bieten, in dem das Nationale im Fokus steht, wird sie*er diese Ideologie auch weiter nach außen tragen. Wer im Sicheren faschistisch ist, wird auch im Unsicheren faschistisch sein. Wenn sie*er Angst hat, für Fehler verurteilt zu werden, bleibt sie*er in den alten Strukturen gefangen.

Hier liegt unsere Verantwortung. Bevor wir versuchen, andere zu verändern, müssen wir bei uns selbst anfangen. Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Menschen sich sicher fühlen, sich auszuprobieren – auch auf die Gefahr hin, Fehler zu machen. Das bedeutet nicht, faschistische Aussagen unkritisch stehen zu lassen. Es bedeutet, die anderen Aspekte – die, in denen der geliebte Mensch nicht völkisch ist – herauszustellen und zuzulassen.

Die große Schwäche des Faschismus ist, dass niemand ihm genügen kann. Niemand hat „nur“ deutsche, nationale Interessen. Diese Brille blendet immer einen Teil von uns aus. Den Teil, den eine faschistische Person ignorieren möchte, können wir stärken, wenn wir jemandem helfen wollen, daraus auszubrechen.

Selbstreflexion – der unangenehme, aber notwendige Schritt

Faschismus lässt sich nicht nur nach außen bekämpfen – wir müssen ihn auch in uns selbst erkennen. Selbstreflexion bedeutet, sich die Frage zu stellen: Warum verhalten wir uns so, wie wir es tun? Warum behandeln wir bestimmte Menschen anders, wenn sie nicht Teil unserer Gruppe sind? Und was bedeutet es, wirklich ein Umfeld zu schaffen, in dem Authentizität möglich ist?

Das ist kein einfacher Prozess, denn er bringt oft unangenehme Erkenntnisse zutage. Schon das Grundgesetz schafft eine Grundlage, Deutsche anders als Nicht-Deutsche zu behandeln. Diese Widersprüche zu erkennen, ist der erste Schritt, um sie zu hinterfragen – und letztlich zu überwinden. Denn wie will man anderen aus etwas helfen, in dem man selbst noch mitten drin steckt?

Der erste Schritt für jeden Antifaschismus ist es, zu lernen, sich selbst davon zu lösen.

Ein Umfeld der Sicherheit schaffen

Der zweite Schritt ist es, ein nicht-faschistisches Klima im Privaten zu schaffen. Niemand wird Überzeugungen infrage stellen, solange die Angst besteht, ausgeschlossen zu werden. Wer faschistisches Denken hinterfragen soll, braucht die Sicherheit, Fehler zu machen. So jemand muss sich selbst infrage zu stellen dürfen, ohne sofort verurteilt zu werden. Sicherheit, das in einem, das nicht völkisch ist, in sich zu erkennen und zu akzeptieren. Das ist in einem nationalen/völkischen Umfeld nicht möglich.

Der Faschismus sucht deswegen die Öffentlichkeit. Er will Diskurs, Debatte, öffentliches Reden, weil dieses Umfeld maximal unsicher ist. Das Private ist der Punkt, an dem wir politisch sein müssten. Auch das ist ein Punkt, den wir neu lernen müssen. Denn bisher wurde uns gesagt, dass nur das staatliche, also der öffentliche Raum, der ist, in dem das politische Platz hat. Und wurde auch gesagt, dass unsere private Sicht im Öffentlichen nichts zu suchen hat. Diese Trennung ist Teil der Grundlage des Faschismus.

Fazit: Bei uns selbst anfangen

Wenn wir uns eine friedlichere Welt wünschen, müssen wir bei uns selbst anfangen. Wir müssen den Faschismus in unseren eigenen Gedanken und Beziehungen abbauen. Und wir müssen anderen die Möglichkeit geben, es auch zu tun – nicht durch Druck, sondern durch Vertrauen. Wer sich selbst erkennt, wird die Unterschiede zum völkischen „Selbst“ leichter identifizieren, und sie als entfremdend ablehnen.

Hier ein paar Literaturempfehlungen, die dir dabei helfen könnten.

  1. Der demokratische Schoß ist fruchtbar von Freerk Huisken. Diese Kritik bezieht sich noch sehr auf die NPD. Relevant ist sie aber dennoch weiterhin für alle Demokrat*innen.
  2. Keine Literaturempfehlung von mir ohne Stirners „Der Einzige und sein Eigentum„. Das ist ein großer Teil meiner eigenen Philosophie. Das Buch bildet eine gute Grundlage, um zu verstehen, dass du nicht das Volk bist.
  3. Robert Anton Wilsons „Cosmic Trigger“ beschreibt sehr anschaulich, wie wir diese „Brillen“ nutzen, um das zu sehen, was wir sehen wollen.
  4. Daoistische Klassiker wie das Dao De Jing oder Das wahre Buch vom Südlichen Blütenland tragen auch viele Ideen zum Thema in sich. Das Konzept des Wu Wei steht meiner Meinung nach jedem völkischen Denken diametral entgegen. Zhuangzis Kritik am Konfuzianismus ähnelt meiner Kritik am Faschismus.

Abschluss

Meiner Verwandten hab ich seit ihrer Geburt ein sicheres Umfeld geboten, und hatte einfach die Möglichkeit, ihr zu zeigen, warum das Video problematisch ist. Sie ist noch jung, sie wird öfter solche Dinge sagen. Gerade heute, wo das Öffentliche so dominant ist, hat man kaum eine Wahl. Ich denke aber, dass wir alle lernen können, Faschismus zu überwinden. Im Privaten, im Vertrauten. Denn Frieden dort ist die Antithese.

Ich wünsche dir einen friedlichen Tag.