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„Es ist Zufall, Deutsch zu sein.“

Warum „Du kannst nicht stolz darauf sein, deutsch zu sein, weil das nur Zufall ist.“ Rechte nicht überzeugt - und was du stattdessen tun solltest.

„Du kannst nicht stolz darauf sein, deutsch zu sein, weil das nur Zufall ist.“ Klingt vernünftig, oder? Doch wenn du dieses Argument gegenüber einem Rechten bringst, wirst du schnell merken, dass es kaum Wirkung zeigt. Warum ist das so? Das möchte ich in diesem Text durchleuchten.

Die Struktur des Zufallsarguments

Um zu verstehen, worum es geht, müssen wir unser eigenes Argument zunächst auseinander nehmen. Das Zufallsargument folgt einer simplen Logik:

  1. Es ist Zufall, in einer bestimmten Nation oder Ethnie geboren zu sein.
  2. Es ist daher keine Leistung, dort geboren zu werden.

Das beinhaltet einen dritten, nicht ausgesprochenen Punkt:

3. Stolz sollte nur aus Leistung entstehen, nicht aus Zufällen.

Dieses Argument soll Nationalstolz delegitimieren, indem es ihn als „keine Leistung“ entlarvt. Denn „keine Leistung“ steht „Stolz“ als Gegensatz gegenüber.

Was passiert nun bei Rechten, wenn sie dein Argument hören?

Die rechte Replik – kein Zufall!

Rechte begegnen dem Zufallsargument mit klar definierten Gegenargumenten. Ich gebe diese hier wieder; Das heißt nicht, dass ich sie mir zu eigen mache.

  1. „Es ist kein Zufall, dass du Deutscher bist.“ Rechte sehen Nationalität als essenziellen Teil der Identität. Sie argumentieren, dass du Deutscher bist, weil deine Eltern dich deutsch erzogen haben. Und weil du aus Genen bestehst, die im Deutschen Umfeld geformt wurden.
  2. „Deutsche Gemeinschaft ist eine kollektive Leistung.“ Nationalstolz beruht auf der Idee, dass frühere Generationen etwas aufgebaut haben, von dem du profitierst. Indem du „deutsch“ bist, nimmst du an dieser kollektiven Leistung teil. Für sie ist es durchaus eine Leistung, Deutscher zu sein. Nicht deine, aber die des Volkes, dem du angehörst.

Dein Argument, dass das nur Zufall sei, greift nicht. Rechte glauben nicht, dass sie zufällig Deutsch sind. Und sie teilen deinen Gedanken, dass Stolz an Leistung gekoppelt ist.

Warum glaubst du, dass Stolz nur an Leistung gekoppelt sein darf?

Lass uns hier mal innehalten: Warum teilen wir die Annahme, dass Stolz an Leistung gebunden ist? Es hat sich herausgestellt, dass wir, wenn wir das Zufallsargument nutzen, dem Rechten in die Karten spielen. Wir zeigen ihm: Wir teilen deine Idee. Und er wird sich sagen: Aber ich denke sie konsequent durch.

Die Geschichte zeigt: Das politische Programm des Faschismus richtet sich gegen die, die nicht arbeiten können oder wollen. Hier ein paar Gruppen, die der Faschismus in der Vergangenheit dämonisiert hat:

  • „Arbeitsscheue“
  • „Erbkranke“ (weil die Volksgemeinschaft für sie zahlen muss)
  • Juden (die seien von Natur aus faul und daher parasitär)

Mit dem Zufallsargument bestätigst du, dass man nur Stolz auf Leistung sein darf. Faschist*innen nehmen das von dir nur zu gerne an. Sie werden sogar sagen: Warum bin ich der böse, wo du das doch auch so siehst?

Leistungsgedanke und heutige Gesellschaft

Beispiele dafür finden Faschist*innen zu genüge in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Aufrechte Demokrat*innen haben folgendes durchgesetzt:

  • Kein Mindestlohn in Behindertenwerkstätten, obwohl dort voll gearbeitet wird.
  • Der Druck auf Arbeitslose, jede beliebige Arbeit anzunehmen, ohne Rücksicht auf persönliche oder gesundheitliche Umstände.
    Wenn du keinen „guten“ Grund nennst, warum du nicht kannst oder willst, wird dir dein Lebensunterhalt gestrichen. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, ist sogar bei Linken ein beliebter Grundsatz.

Hierin zeigt sich ein Narrativ, das die Rechte nur zu gern übernimmt: „Wir sind nicht anders als du. Du teilst unsere Grundwerte, du gehörst eigentlich zu uns.“ Und ihr Programm setzt den Gedanken deutlich konsequenter durch.

Der Leistungsgedanke ist kein Gegenargument, sondern ein Einfallstor für faschistisches Gedankengut. Wieder zeigt sich schmerzhaft: Demokrat*innen legen dem Faschismus ideologisch den roten Teppich aus.

Antifaschismus beginnt bei uns

Dieser Beitrag wirkt gerade wie eine Anleitung, mit Rechten zu reden. In manchen Fällen ist das auch sinnvoll, z.B. wenn die familiären Umstände komplex sind. Es geht mir aber vorrangig darum, den Faschismus in uns loszuwerden. Nur aus einer konsequent antifaschistischen Haltung kann eine faschismusfreie Welt entstehen.

Politiker*innen sagen: „Leistung muss sich wieder lohnen“. Dahinter steht eine Logik, die nicht nur dem Faschismus in die Hände spielt. Dahinter steht auch die Idee, dass Produktivität kein Wert für sich ist. Es zeigt: Produktivität ist vorrangig etwas, das sich „lohnen“ muss. Wir messen also den Erfolg am Ergebnis. Und wir erlauben nur denen, würdig zu leben, die ein gutes Ergebnis erzielen. Aber ist das wirklich wahr?

Frag dich doch mal: Kann Produktivität nicht schon an sich lohnend sein – unabhängig davon, was dabei herauskommt? Möchtest du, dass dein Lebensunterhalt davon abhängt, ob du produktiv bist? Bist du dir nicht mehr wert? Ist dein Leben nur dann erhaltenswert, wenn du was beiträgst?

Finde gute Antworten auf diese Fragen. Das wären dann auch echte Gegenargumente gegen den Faschismus, weil sie ihm die Grundlage entziehen.

Leseempfehlung: The abolition of work von Bob Black. Bob argumentiert, dass der Zwang, der entsteht, wenn wir Leistung an das Recht zu existieren koppeln, problematisch ist. Der Text ist provokant – und du musst bei seinen Argumenten nicht bis zum Ende mitgehen. Aber um eine radikal andere Denkweise zu erleben, lohnt er sich.

Ich wünsche dir einen friedlichen Tag.