Wie kann es sein, dass in einer demokratischen Gesellschaft Menschen plötzlich Faschist*innen werden? In diesem Text möchte ich einer Theorie nachgehen, die uns erlaubt, das besser zu verstehen – und vielleicht sogar unsere eigene Rolle darin zu erkennen.
1. Der Beginn eines Lebens
Wenn man auf die Welt kommt, ist die Welt schon da. Andere, vor uns lebende Menschen haben ausgehandelt, wie sie aufgebaut ist.
Es gibt Werte, Grenzen, Machtstrukturen – und diese lernen wir als Kind, und wir vertrauen ihnen. Diese Strukturen werden ideologisch begründet und vermitteln ein Gefühl der Sicherheit.
Wer zum Beispiel in einem demokratischen Umfeld aufwächst, kennt die Werte, Grenzen und Machtstrukturen, die dort gelebt werden. Dasselbe gilt auch für religiöse Gemeinschaften. Wenn eine Person beispielsweise glaubt, die Hölle ist das, was eine*n Missetäter*in erwartet, dann hat die Erwähnung der Hölle Wirkung auf die Person, wenn sie zur Ermahnung genutzt wird.
2. Wann Inhalte Wirkung haben
Ein*e Zeuge*in Jehovas wächst anders auf als ein*e Katholik*in. Wenn ein*e* Katholik*in zu einer*m Zeuge*in Jehovas sagt: „Du kommst in die Hölle“, wird der*die Zeuge*in Jehovas wahrscheinlich nur mit den Schultern zucken und entgegnen: „Das interessiert mich nicht, weil ich in einer Gemeinschaft zuhause bin, die gar nicht an die Hölle glaubt.“ Inhalte haben keine Wirkung, solange die zugrunde liegenden Werte, Grenzen und Machtstrukturen nicht geteilt werden. Die Hölle ist ein Machtinstrument in manchen Konfessionen – auf andere hat sie keine Wirkung.
Inhalte haben erst dann eine Chance auf Wirkung, wenn sie an bestehende Werte, Grenzen und Machtstrukturen andocken können. Eine Meinungsänderung findet nur selten statt, wenn das Umfeld sie nicht zulässt. Der*die Katholik*in würde bei einer evangelischen Person vermutlich eher die Befürchtung an eine solche Bestrafung erzeugen können, denn auch dort ist die Höllendrohung als Machtstruktur bereits etabliert.
3. Faschist*innen docken an bestehende Strukturen an
Rechte docken an bestehende Werte, Grenzen und Machtstrukturen an, die auch in der Demokratie fest verankert sind. Die Ungleichbehandlung von Angehörigen verschiedener Völker ist tief verwurzelt – Faschist*innen greifen das auf und machen es zum zentralen Prinzip ihrer Ideologie. Das Patriarchat, also das Konzept der Über- und Unterordnung zwischen zwei Geschlechtern (und nicht mehr), wird ebenfalls geteilt. Auch der Leistungsgedanke, der in der Demokratie weit verbreitet ist, wird von Nazis zur Grundlage der persönlichen Würde erklärt.
Die Gegenargumente der demokratischen Seite greifen ins Leere, weil sie auf denselben Werten basieren. Ein Beispiel: „Du bist zufällig Deutsche*r, daher kannst du darauf nicht stolz sein, weil das keine Leistung ist.“ Dieses Argument stützt sich auf den Wert „man darf nur auf Leistung stolz sein“ – ein Wert, den Nazis ebenfalls teilen. Das Argument greift nicht, sondern bestätigt einen der Kernwerte des politischen Programms des Faschismus.
Faschist*innen verhindern – bei uns anfangen
Menschen werden zu Nazis, weil es ihnen zur Zeit außerordentlich leichtfällt. Die Gesellschaft ist stark darauf ausgerichtet, sehr ähnliche Werte, Grenzen und Machtstrukturen zu errichten und aufrechtzuerhalten, die Nazis für ihre Ideologie einfach radikalisieren können. Die Hürden, um Nazi zu werden, sind in der Demokratie gering – sie hat nur wenig Argumente dagegen. Und die Kernwerte sind bereits etabliert.
Wenn wir bei uns selbst beginnen, die Werte, Grenzen und Machtstrukturen zu dekonstruieren, die unsere Welt prägen, können wir wirklich verhindern, dass Personen zu Faschist*innen werden.
Ich wünsche dir einen friedlichen Tag.
* Katholische und evangelische Leser*innen mögen mir verzeihen; ich weiß, dass sich in vielen Konfessionen die Nutzung des Konstrukts „Hölle“ verändert hat und nicht mehr so häufig damit gedroht wird; es geht mir mehr darum, dass die Gemeinsamkeit zwischen Katholik*innen und Evangelischen Personen größer ist als zwischen Katholik*innen und Zeugen Jehovas; sie wäre sogar noch größer, wenn die katholische Person mit einer*m Buddhist*in redet, denn die glauben an Reinkarnation und nicht an göttliche Strafe (was Zeugen dann doch noch teilen, wenngleich in anderer Form).



