In meinem Leben bin ich durch ein paar prägende Phasen gegangen, die meinen Blick auf ‚Gott‘ stark verändert haben.
- Als Kind und Jugendlicher hatte ich einen naiven, ehrlichen Glauben im Umfeld der Zeugen Jehovas. Ich war nie getauft, aber ich habe geglaubt. „Gott ist eine reale, allmächtige Person.“
- Danach kam eine Zeit des Atheismus, des aufgeklärten Humanismus, kühl, vernünftig, sogar ein bisschen stolz. „Ich glaube nicht, dass es den Gott gibt, an den ich vorher glaubte.“
Beide Phasen waren getrieben vom Wunsch, die richtigen Dinge zu tun. Das Wahre zu glauben. Die Angst vor der chaotischen Welt zu lindern.
Doch meine Wertschätzung für die alten Texte, die Bibel z.B. war nie weg. Ich hab die Abgrenzung zum Alten gebraucht, doch heute bin ich abseits dieser Pole. Ich will kurz erklären, wie ich heute zu Gott stehe.
Als was sehe ich „Gott“?
Ich benutze das Wort „Gott“ für das, was das Sein – also alles – in einzelne Dinge unterscheidet. Es ist die Grundannahme, die ich über die Welt treffe.
Es ist auch das, dem wir machtlos gegenüberstehen, so wie die Menschen früher. Weil diese Unterscheidungen eine Art Kettenreaktion der weiteren Unterscheidung auslösen. Aus „die Erde aber war wüst und wirr“ (tohuwabohu) folgt alles Weitere: Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, Wasser und Erde, usw. Sobald die erste Unterscheidung gemacht ist, kann man immer weiter ins kleine gehen. Eine Art umgedrehte Dialektik.
Warum das Wort „Gott“?
Ich nutze das Wort „Gott“, ein personales Wort – weil das, was hier geschieht, Absicht hat. Weil die Unterscheidung an sich ein Schöpfungsakt ist. Ein Beispiel, um das zu illustrieren:
Wenn wir die Sterne betrachten, sehen wir unsere Tierkreiszeichen. Doch bei genauerem Hinsehen haben die Sterne, die Steinbock oder Schütze bilden, nichts miteinander zu tun. Sie sind Millionen von Kilometern voneinander entfernt. Und doch sehen wir sie als Tiere.
Auf subatomarer Ebene sind die Teilchen, die wir als „Dinge“ zusammenfassen, ähnlich. Und wieder nehmen wir eine Unterscheidung vor, was ein „Ding“ ist, und was nicht dazugehört. Wir erkennen zum Beispiel einen Apfel, weil er uns von Nutzen ist. Für den Baum könnte es sich lediglich um einen Teil von ihm handeln, den wir pflücken. In gewisser Weise müssen Apfelbaum und Apfel nicht verschieden sein. Aber wir unterscheiden – wir erschaffen den Apfel, weil wir nicht in den Ast beißen wollen. Am Ende ist der Apfel nur deswegen ein Apfel, weil wir ihn aus dem Ganzen, was wir erleben, isolieren und unterscheiden.
Ich spreche in personifizierten Begriffen, wie ‚Gott‘ über dieses Schaffen, weil es dadurch greifbarer wird. Theolog*innen mögen dafür einen Begriff wie „creatio per distinctionem“ nutzen. Schöpfung, nicht aus dem Nichts, sondern aus der Unterscheidung.
Versuch einer Einordnung in Gottesbegriffe
Gott ist also das, was die Erfahrungen, die ich mache, in verstehbare Muster leitet. Ich erlaube mir, verschiedene Erfahrungen zu machen – die sich manchmal widersprechen. Deswegen glaube ich, dass es mehrere solcher Götter gibt.
Ich bin kein Theist, weil ich nicht glaube, dass eine reale, göttliche Person existiert. Aber ich bin kein Atheist mehr. Weil das, was ich Gott nenne, definitiv statt findet, wenn wir darüber in mythischer Rede sprechen.
Heute stehe ich an einer Position, in der ich die alten Texte als Mythos ernst nehme. Das Hinterfragen der Texte hört für mich nicht bei „Das ist nie passiert“ auf. Natürlich ist das alles im historisch-wissenschaftlichen Sinn nicht passiert. Aber im mythischer Rede nutze ich die Texte, um mir diese Erfahrung, das Leben, leichter zu machen.
Ich wünsche dir einen friedlichen Tag.



