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Schwangerschaftsabbruch: Drei Positionen, zwei Ebenen.

Online finden immer wieder Debatten zum Thema Schwangerschaftsabbruch statt. Argumente im Überblick.

Online finden immer wieder Debatten zum Thema Schwangerschaftsabbruch statt. Ich finde manche Argumente konsequent, andere widersprüchlich. Manche wirken stark – andere gefährlich. Ich möchte hier alle Positionen kurz beleuchten – und welche Probleme dabei auftreten, aus einer Pro Choice Sicht allerdings.

Bevor wir beginnen, die einzelnen Positionen zu beleuchten, muss ich über zwei Ebenen reden, auf denen die Debatte stattfindet – und die werden leider oft vermischt. Manche Argumente sind sogar auf einer Ebene absolut wichtig, auf einer anderen Ebene höchstproblematisch.

  • Ebene 1 befasst sich mit der Frage, ob wir Menschen gesetzlich dazu zwingen sollten, schwanger zu bleiben.
  • Ebene 2 befasst sich mit der moralischen Frage, der sich eine Einzelperson stellen muss: Sollte ich schwanger bleiben oder nicht?

Dabei stellt sich auch immer die Frage: wer darf darüber überhaupt diskutieren? Auch das werde ich immer wieder ansprechen.

Ebene 1: Schwangerschaftszwang, Ja oder Nein?

Schauen wir uns die drei Positionen kurz an. Drei? Sind es nicht bloß Pro Choice und Pro Life? Nein. Es gibt eine Position, die sehr beliebt ist und häufig vertreten wird, die sich als Pro Choice tarnt – die ich aber nicht wirklich als Pro Choice zählen würde. Die Positionen, die wir hier also beleuchten, sind:

  1. Pro Life
  2. Pro Choice
  3. „Pro Abled Life“ (in Ermangelung eines eigenen Namens)

Legen wir los.

Position 1: Pro Life

Die Pro Life Position ist so radikal wie einfach. Sie besagt, dass sobald menschliches Leben entsteht – damit ist ein Leben gemeint, dass das Potenzial besitzt, eine vollwertige Person zu werden, also nicht einfach nur ein Hautstück an deinem Finger – muss es geschützt werden. Da wir keine technische Möglichkeit kennen, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen (je nach Phase der Schwangerschaft, offensichtlich), ohne dass dabei das Ungeborene ums Leben kommt, muss die Person dazu gezwungen werden, schwanger bleiben. Zuwiderhandlung muss dann auch bestraft werden – und da es um Leben geht, wie Mord. Ein Schwangerschaftsabbruch ist immer zu verbieten.

Position 2: Pro Choice

Auch die Pro Choice Position ist einfach und radikal. Die Frage, ob ein Wesen den Körper eines anderen Wesens mitbenutzen darf ist hier die Wahl des Wesens, dessen Körper mitbenutzt werden soll. Simpel gesagt heißt Pro Choice: Ich darf mich immer entscheiden, ob ich schwanger bleiben will oder nicht. Die Konsequenzen für das andere Wesen sind für die Frage, ob ich dazu gezwungen werden sollte, egal. Pro Choice bedeutet: Wir zwingen niemanden, den Körper zum Überleben eines anderen zur Verfügung zu stellen. Ein Schwangerschaftsabbruch ist immer zu erlauben.

Position 3: Pro abled Life

Diese Position versucht einen Mittelweg zu gehen, nennt sich aber oft Pro Choice. Ich denke aber nicht, dass sie wirklich Pro Choice ist. Diese Position besagt: Solange das Ungeborene gewisse Fähigkeiten noch nicht besitzt (da wird dann z.B. die Fähigkeit, Schmerzen zu empfinden genannt, als Beispiel), sollten wir Schwangere nicht dazu zwingen, schwanger zu bleiben. Danach ist ein Schwangerschaftszwang gerechtfertigt.

Da wird dann zum Beispiel das „Zellhaufen“-Argument ins Feld geführt: Zu den Zeiten, an denen eine Schwangerschaft abgebrochen werden darf, sei das Ungeborene nicht relevanter als ein Fingernagel, den man abschneidet, weil er zu lang ist – „weil es eben nur ein Zellhaufen sei“. Ein Schwangerschaftsabbruch ist immer dann zu erlauben, wenn das Ungeborene gewisse Fähigkeiten nicht besitzt.

Probleme und Herausforderungen – wer darf überhaupt über Schwangerschaftsabbruch sprechen?

Die Pro Life Sicht ist gegen die körperliche Selbstbestimmung der schwangeren Person. Daher kann man sagen, hier besteht ein Wertekonflikt: Sind bestimmte Formen des Lebens wichtiger als die körperliche Selbstbestimmung? Pro Life beantwortet diese Frage mit Ja. Das Interessante: Auch Position 3 beantwortet diese Frage mit Ja. Pro Life und Pro Abled Life streiten sich nicht darum, ob wir Schwangere zwingen sollten – nur darüber, wann wir das sollten.

Hier stellt sich heraus, warum es wichtig ist, auch als Person, die nicht schwanger werden kann, Position zu beziehen. Denn wenn wir sagen: Wir müssen Menschen dazu zwingen, ihre Körper zur Verfügung zu stellen, damit andere leben können (Pro Life) bzw. nicht leiden (Pro Abled Life), stellt sich die Frage, wie wir in Folge damit umgehen, ob jemand Teile der Leber, Knochenmark oder Blut spenden muss. Das Pro Life und Pro Choice Argument endet nämlich nicht einfach mit der Schwangerschaft. Es ist eine fundamentale Unterordnung der körperlichen Autonomie gegenüber anderen Interessen.

Warum wähle ich Leber und Blut? Weil man das überlebt und dann andere überleben. Erzwungene Herztransplantationen wären nicht Pro (Abled) Life, weil die Person, die das Herz spendet, das nicht überlebt. Aber eine Leber, die wächst nach. Blut und Knochenmark, das entsteht neu.

Ein weiteres Problem – das mit der Pro Abled Life Position auftaucht – das aber weder Pro Choice, noch Pro Life hat – ist die Frage, inwieweit wir Eugenik Tür und Tor öffnen. Denn wenn wir argumentieren, dass Leben eine gewisse Qualität besitzen muss, damit wir es nicht anderen Interessen unterordnen – dann sind wir voll in der „lebensunwertes Leben“-Debatte. Auch das ist ein Thema, das nicht nur potenziell Schwangere betrifft.

Kurzes Zwischenfazit

Wir haben hier zwei Probleme genannt.

  • Ableismus: Sowohl Pro Life als auch Pro Choice vermeiden konsequent ableistische Argumente. Pro Abled Life hingegen nutzen sie, um am Ende einen Kompromiss zu schaffen – und opfert dabei die Frage nach der körperlichen Selbstbestimmung. Pro Abled Life ist für mich aus diesem Grund das schwächste Argument.
  • Wertekonflikt: Die Frage nach dem Verbot eines Schwangerschaftsabbruch ist immer eine Ausprägung eines tiefergehenden Problems: Ein Wertekonflikt. Ist menschliches Leben immer gegenüber der Frage nach der körperlichen Selbstbestimmung zu bevorzugen oder nicht? Pro Life müsste konsequent auch heißen: Pro erzwungene Leber- / Knochenmark- / Blutspende.

Ich sehe hier nur die Pro Choice Argumentation als eine, die beiden Problemen aus dem Weg geht.

Ebene 2 – Persönliche Ebene zum Schwangerschaftsabbruch

Warum das alle betrifft

Warum sollte ich als Person, die nie im Leben schwanger werden kann, hier überhaupt eine Meinung haben? Da es hier ja nicht mehr darum geht, ob wir jemanden dazu zwingen sollten oder nicht, spielt meine Meinung dazu ja eigentlich keine Rolle mehr. Oder? Zwei Gründe.

  1. Weil die Begründung dafür, warum jemand eine Schwangerschaft abbricht, durchaus eine Aussage darüber ist, wie die Person tickt. Will ich mit dieser Person in Zukunft noch etwas zu tun haben oder nicht?
  2. Weil diese Ebenen immer wieder vermischt werden. Pro Lifer posten Fotos von niedlichen Babys, und Argumente der Pro Abled Lifer können hier auch eine Rolle spielen. Argumente, die für individuelle Fälle eine Rolle spielen, werden genutzt, um Politik zu machen. Damit wir die Ebenen nicht vermischen, ist es wichtig, darüber zu sprechen – auch wenn wir nicht betroffen sind.

Was ich hier nicht besprechen will, ist die Frage ob du als Schwangere Person jetzt abbrechen solltest oder nicht. Das geht mich nichts an. Ich werde dir keine Pro und Contra Liste geben. Ich will besprechen, wie die Argumente Pro Life und Pro Abled Life durchaus eine Rolle spielen können – auch wenn sie im rechtlichen Sinne zu Problemen führen würden, und wie sie genutzt werden, um Menschen dazu zu bringen, gegen ihre Interessen Politik zu machen.

Pro Life Argumente

Pro Lifer schicken dir niedliche Babyfotos. Sagen dir dazu, wie schön es ist, ein Kind zu haben. Dass ein Abbruch einfach herzlos wäre. Und ich finde, da haben sie je nach Situation einen Punkt. Wenn ich mir vorstellen würde, nur aus dem Grund, keinen Bock mehr zu haben, abzubrechen – auf mich ganz persönlich wirkt das tatsächlich herzlos. In der Realität spielen in der Regel ganz andere Themen eine Rolle: Lebensplanung, Gesundheit, die Umstände, unter denen es zur Schwangerschaft kam, ob man überhaupt dazu in der Lage ist, ein Kind groß zu ziehen – und das ist dann nicht mehr so herzlos, wie es dargestellt wird, sondern ernstzunehmende Gründe.

Das Fiese an diesen Babyfotos ist ja nicht, dass Menschen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen, kein Herz für Kinder haben. Fies ist, dass Pro Lifer versuchen, eine problematische Politik zu etablieren, indem sie bei uns auf die Tränendrüse drücken. Uns sagen: „Du bist herzlos, wenn du nicht allen verbietest, Schwangerschaften zu beenden.“

Pro Abled Life Argumente

Pro Abled Lifer Argumente sind zum Beispiel auch relevant. Selbstverständlich spielt es für die meisten Schwangeren eine Rolle, ob das Ungeborene gerade fühlen kann oder nicht. Auch hier wird auf die Tränendrüse gedrückt. Schwangeren wird gesagt: „Du bist herzlos, wenn du erlaubst, dass einem fühlenden Wesen Schaden zugefügt wird, das sich nicht wehren kann.“ Und sie haben auch einen Punkt: Wenn jemand sagt „Mir ist das komplett egal“ – klingt es so, als ob der Person das Leiden anderer generell nicht wichtig ist.

Anders herum finde ich es problematisch, wenn jemand sagen würde: Das Ungeborene hat eine Behinderung, deswegen breche ich ab und probiere es erneut. Leider ist das oft der Fall. Und da haben die Pro Lifer wieder einen Punkt – es ist definitiv ableistisch, aus diesem Grund eine Schwangerschaft abzubrechen. Analog sind auch Mädchenabtreibungen, wie sie in Indien stattfinden, ein massives Problem. Aber dass sie diesen Fall dafür zum Anlass nehmen, Schwangerschaftszwang einzuführen – mit all den Problemen, die das mit sich bringt – das ist perfide, und das sagen sie in dem Moment nicht.

Abschließende Gedanken

Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich immer wieder auf das Zellhaufenargument stoße. Und weil mir diese Denkweise tierisch auf den Geist geht. Weil es mich stört, dass diese Leute sich „Pro Choice“ nennen, und dann kein Wort über die Entscheidung verlieren, sondern über lebensunwertes Leben diskutieren.

Eine weitere Motivation war es, die Relevanz des Themas auch für Menschen, die nicht schwanger werden können, herauszustellen. Diese Relevanz ergibt sich durch die Gegenpositionen zu Pro Choice.

Ich habe auch erwogen, die antinatalistische Position hier mit einzubeziehen – die Position, dass man generell alle Schwangerschaften möglichst abbrechen sollte. Dass Leben Leiden ist und wir deswegen damit aufhören sollten, weiteres zu schaffen. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich es an dieser Stelle nicht relevant finde.

Zuletzt eine Anmerkung zu meinem Beispiel mit der Leber- / Knochenmark- / Blutspende. Mein Ziel war es hier nicht, die perfekte Analogie zum Verhältnis zwischen schwangerer Person und Ungeborenen zu schaffen. Dafür wäre das Beispiel der Konzertviolinistin besser gewesen. Ich hatte die Intention deutlich zu machen, welches realistische Szenario aus der Unterordnung von Autonomie gegenüber Leben folgt. Und dafür ist mein Szenario besser geeignet.

Ein Punkt zur „Pro Abled Life“-Position. Ich behaupte hier nicht, dass alle, die mit dem Zellhaufen argumentieren, Eugenik wollen. Stattdessen zeige ich, was passiert, wenn man das konsequent zu Ende denkt. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass dieses Argument ableistisch ist, auch wenn die Personen, die es vertreten, es nicht unbedingt sein wollen.

Ich wünsche dir einen friedlichen Tag.