Naruto und Gewaltlogik

Wer mich kennt, weiß, dass ich eine gewisse Art des Umgangs mit Gewalt und Hass nicht leiden kann. Härtere Strafen, strengere Kontrolle, neue Formen von Abschreckung. Doch was, wenn diese Logik selbst der Motor ist, der Hass und Gegengewalt am Leben erhält? In der Geschichte von Naruto zeigt sich dieses Dilemma. Im Pain Arc wird ein grundsätzliches Fass aufgemacht: Sehen wir Leid nur als Strafe und Schrecken oder auch als Möglichkeit zur Verbindung?

Kurzes Glossar für alle, die Naruto nicht gesehen haben.

Naruto: Naruto ist der Held der gleichnamigen Serie. Es geht um Ninjas, Kämpfe und unter der ganzen Fassade auch um Trauma und Ethik.

Pain ist eine der zentralen Gegenspieler in Naruto Shippuden, heißt eigentlich Nagato. Mit seiner Terrororganisation Akatsuki will er alle „Tailed Beasts“ (Bijū), also mächtige Wesen, die in verschiedenen Menschen versiegelt sind (Jinchūriki), sammeln. Pain selbst besteht aus 6 toten Kriegern, die Nagato aus der Ferne steuert.

Die sechs Pfade Pains

Akatsuki: Eine Gruppe von Ausgestoßenen, ursprünglich exilierte Krieger, die außerhalb der üblichen Macht-Strukturen operieren.

Im Pain Arc greift Nagato das Dorf Narutos an, zerstört es, tötet Narutos Meister. Die Rede, die er dort hält, ist legendär.

Pain und der Zyklus des Hasses

Pain erscheint während der Schlacht als übermächtiger Angreifer. Doch sein Antrieb ist nicht bloße Zerstörung, sondern eine Überzeugung.

Nagato benennt im Gespräch mit Naruto einen „Cycle of Hatred“, also einen Kreislauf des Hasses.

  • Pain: You and I seek the same thing. We are trying to establish the peace that Jiraiya Sensei so desired. You and I are not different at all. We each act according to our own sense of justice. The justice I delivered to the Leaf Village is no different from what you are trying to do to me. The pain of losing something dear to you is the same. And both of us know that pain all too well. You have your justice… and I have mine.
  • Pain: We are both ordinary men, driven to seek vengeance under the banner of justice. However, if there is justice in vengeance, then justice will only breed more vengeance. And trigger a cycle of hatred.

Jede Gewaltmaßnahme, die mit „Gerechtigkeit“ legitimiert wird, ruft nur neue Gewalt hervor. Schmerz wird weitergereicht, Hass gebiert Hass. Es entsteht ein ewiger Kreislauf, der ganze Generationen prägt.

Pains Lösung – mehr Strafe, mehr Kontrolle

Pain will diesen Kreislauf durchbrechen:

  • Pain: I formed the Akatsuki in order to stop this cycle of hatred. I can put an end to it. For that… I need the power of your Nine-Tails. I will use the power of every Tailed Beast to create a Tailed Beast Weapon, many times more potent than the power that destroyed this village. A power enough to wipe out an entire nation instantly.
  • Naruto Uzumaki: [surprised] A Tailed Beast Weapon?
  • Pain: The world will know real pain. The fear instilled by that pain would prevent wars. And the world will be on the road to stability and peace.
  • Naruto Uzumaki: But that kind of peace… it’s nothing but a fake!
  • Pain: Humans are not the most intelligent of creatures. This is the only way that peace can be achieved. And after several decades, that pain too will eventually fade with time. It will no longer be a deterrent and humanity will begin to battle once more. This time, they themselves will use the Tailed Beast Weapon against one another and reconfirm what true pain is.
  • And then peace will be restored again, for a time. In the course of this endless cycle of hatred… pain will give rise to momentary peace. That is my dream.

Damit beschreibt er nicht nur seine persönliche Pädagogik, sondern ein Prinzip, das wir auch in der Geschichte der Staaten kennen. Der endlose Kreislauf privater Racheakte soll durch den Staat gebändigt werden. Nicht mehr der Einzelne übt Vergeltung, sondern eine Instanz, die für Gerechtigkeit sorgt. Am Ende bleibt dieselbe Gewaltlogik – institutionalisiert. Strafe ersetzt Strafe, Gewalt ersetzt Gewalt.

Pain überträgt diese Idee ins Extreme. Er erfindet eine Überwaffe, die jederzeit eingesetzt werden kann, um ganze Nationen zu bestrafen. So wie der Staat gerecht vergelten will, will Pain durch ständige Drohung und periodische Vernichtung Ordnung erzwingen. Frieden entsteht für ihn nicht aus Vertrauen oder Empathie, sondern aus Angst und Schmerz. Das ist Gewaltlogik in Reinform.

Narutos Reaktion

Wie bei Naruto – generell bei Shonen Anime – üblich, folgte darauf ein Kampf zwischen Naruto und Pain. Im Verlauf des Kampfes zerstört Naruto die 6 Körper, die Nagato steuert, und begibt sich zu Nagato selbst.

Der echte Nagato sieht erschreckend aus: Ausgemergelt, krank, an eine lebenserhaltende Maschine angeschlossen. Damit wird klar: hinter der Gewaltlogik steckt ein gebrochener Mensch.

Interessant aber nun: Es kommt nicht mehr zum Kampf – Naruto spricht mit Nagato. Und weil er nun den Menschen hinter den Kriegern sieht, kann er versprechen, den Kreislauf zu brechen.

Im Verlauf der Serie passiert das nun immer wieder. Naruto kämpft erst gegen die Masken der Gewalt, und baut dann Beziehung zu den Personen dahinter auf.

Die Alternative zum Schmerzkreislauf: Verbindung suchen

  1. Den Masken der Gewalt wird nichts entschuldigt – sie werden bekämpft. Naruto zögert nicht, wenn Gewalt ausgeübt wird.
  2. Sobald jedoch die Möglichkeit zur Verbindung besteht, wird sie kompromisslos ergriffen. Naruto spricht den Menschen hinter der Maske an.
  3. Dann werden diese Menschen eingebunden und auf die Seite des Friedens gezogen. So wird aus Feindschaft Beziehung.

Das ist Narutos Weg: kein naives Wegsehen, sondern der Versuch, hinter Gewaltlogik den Menschen zu erkennen. Und den Kreislauf des Hasses dort zu brechen, wo er sonst weiterginge.

Wenn wir gesellschaftlich nach Lösungen für Hass und Gewalt suchen – warum nicht mal diesen Weg ausprobieren?