Feuer/Funken auf schwarzem Hintergrund

Chaos, Ordnung, Angst und Authentizität

Ich hab mich die letzten Tage sehr über diese unauthentische Welt geärgert. Ich glaube, das ist auch ein extrem wichtiger Grund, warum es z.B. Transfeindlichkeit, Ableismus, Saneismus gibt.

Weil die einen sich dazu entscheiden, authentisch sie selbst zu sein. Die anderen können gar nicht anders als offen so zu leben.

Und wer so eine extreme Angst hat vor Authentizität, hasst das natürlich. „Sei doch lieber nicht so, ach du kannst nicht? Ja dann muss ich dich zwingen.“

Es gibt so viele Beispiele! Frauen werden z.B. deswegen gehasst, weil Emotion feminisiert wurde. Und Emotion ist maximal authentisch.

Das ist natürlich viel zu kurz gegriffen. Eigentlich ist meine These diese hier:

Menschen haben Angst vor dem Chaos der Welt. Daher werden Regeln erfunden, um sie zu bändigen. Wenn wir nur die Regeln kennen und setzen, dann beherrschen wir das Chaos. Und die Hauptregel ist: Sei männlich, weiß, cis, hetero…

Wer davon abweicht, traut sich was. Hat Mut. Kann vielleicht aber auch gar nicht anders. Aber es macht denen Angst, die die Regel so sehr brauchen.

Gestern wurde ich wieder Zeuge davon. Ein Bundeswehr-Offizier in meinem Umfeld demonstrierte, dass er Schiss hat, Position zu beziehen. Anstatt einer Betroffenen von Gewalt zu glauben, wollte er, dass sie beweist, was sie sagt. Das ist ein Mensch, der beruflich klare Hierarchien bevorzugt. Aber wenn die Welt unklar ist, unwissenschaftlich vielleicht, dann wird’s furchteinflößend.

Deswegen meine These: Je näher man an diesem Idealbild dran ist, um so eher ist man zu feige, sich der Realität zu stellen. Weil’s bequem ist, in der Illusion dieser Ordnung zu leben. Und wenn die Ordnung offensichtlich nicht da ist? Dann nutzen diese Leute Gewalt, um sie wieder herzustellen.

Und ja, ich glaube, die Leute haben wirklich Angst vor einer ungeordneten Welt. Das Patriarchat kommt nicht aus dem Nichts. Rassismus kommt nicht aus dem Nichts. Das ist kein natürlicher Fakt, und danach haben alle Schiss voreinander. Das ist Verhalten. Kultur. Das kann man ändern. Die Angst ist nicht essentiell, kein Naturgesetz. Man muss diese Angst nicht haben.

Man kann den Mut finden, mit der Unbestimmtheit der Welt Frieden zu schließen. Und sobald man das macht – so glaube ich – braucht man diese Systeme nicht mehr. Die Welt muss dann nicht mehr in eine Form gepresst werden. Wir dürfen dann sein.

Diese These ist konsequenter Antifaschismus. Und das sieht man, wenn man schaut, was die Faschist*innen historisch immer wieder getan haben.

Kleine Zusammenfassung zunächst. Meine These ist, dass die unterdrückenden Systeme, in denen wir leben, die Funktion haben, die Angst vor der ungeordneten Welt zu regulieren.

Und das soll natürlich stabil funktionieren. Was kann so ein System dann nicht gebrauchen?Dass es Menschen gibt, die keine Angst vor dieser ungeordneten Welt haben.

Enter: Schwarze Pädagogik.

Man sagt heute: Man wusste damals nicht, dass die Kinder dadurch emotional zerbrechen. Das halte ich für Unsinn. Ein kurzer Abstecher – für einen Vergleich, bleibt bitte dran.

Die McFlurry-Maschinen bei McDonald’s stammen von Taylor Company. Die Geräte sind extrem komplex. Sie haben tägliche automatische Pasteurisierungs- und Reinigungszyklen. Und wenn ein kleiner Fehler passiert, sperren sich komplett selbst, mit Fehlercode. Der Gag: Nur Taylor Company wusste was die Fehlercodes bedeuten. Der Absatzmarkt für McFlurry-Maschinen ist begrenzt. Aber Wartungsverträge, die sind eine dauerhafte Einnahmequelle.

Maschinen machen das, wofür sie gebaut werden. McFlurry-Maschinen gehen kaputt, weil sie es sollen. Und die Maschine „schwarze Pädagogik“ hat Menschen erzeugt, die diese Systeme brauchen.

Das sind Menschen die Angst vor der Welt haben. Menschen, die Angst vor allen anderen haben. Menschen, die Angst haben, wenn jemand „komisch“ oder einfach nur anders ist. Die es nicht aushalten, wenn jemand was besonderes braucht.

Also hat man Kinder – obwohl man wusste, dass das Vernachlässigung und Gewalt ist – schreien lassen. Emotional vernachlässigt. Ihnen nicht beigebracht, wie man Emotionen wie Überforderung, Angst, Wut, aushält und versorgt. Faschismus WILL dass wir Angst haben. Vor ihm, vor der Welt, vor uns anderen.

Ich hab keine Lust mehr, dieses Spiel zu spielen.

Ich habe diese Leute eingangs feige genannt. Das las sich abwertend. Das ist natürlich schon deren Logik. Denn für mich ist klar: Angst gehört zum Leben dazu! Ich hab andauernd Angst. Sogar jetzt beim Schreiben! Was denkt ihr wohl über mich, wenn ich so einen Text poste? Was, wenn ich aus Versehen oder in bester Absicht was Marginalisierendes sage? Was, wenn dieser Post die falschen Leute erreicht? Wir sitzen alle in dieser menschlichen Spannung zwischen Angst und Offenheit.

Ich glaube aber, dass diese Menschen, die ich vorhin feige genannt habe, auch Mut in sich tragen. Jemand der bei der Bundeswehr ist, der*die hat ja schon Mut! Der*die will immerhin (in gutem Glauben) für andere im Zweifel sein Leben geben. Davor hätte ich auch total Angst.*

Ich glaube, wir müssten versuchen, in uns das Feuer dieses Mutes wieder entfachen. Dass wir uns wieder mit Wärme begegnen. Dass wir alle kleine Flammen werden.

Vor Jahren habe ich gelernt, wie man Feuer spuckt. Das funktioniert auf dem Prinzip der Staubexplosion. Und so stell ich mir das vor. Dass wir uns gegenseitig wieder Wärme spüren lassen, uns entzünden. Und am Ende kommt was raus, das uns staunen lässt, das spielerisch und leicht ist.

Ich habe einerseits die Hoffnung, dass das geht. Andererseits hab ich wieder Angst. Angst davor, dass gerade z.B. im Angesicht der Klimakrise unsere Fähigkeit der Regulation von Angst auf die Probe gestellt wird. Und dass der Faschismus sich da als Lösung darstellt, wobei er doch das Problem nur verschlimmert.

Aber noch überwiegt meine Hoffnung. Und ich versuche einfach eine kleine Flamme zu sein.

* Fürs Land sterben halte ich natürlich nicht für sonderlich klug. Aber ich hoffe, dass die Motivation der einzelnen Soldat*innen am Ende ist, dass sie ihre Lieben beschützen wollen.